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11.09.2020

Stumme Zeugen der Vergangenheit

Geschichte und Geschichten auf Glas

jarchow
Dr. R. Jarchow weiß die Fotoplatten im Stadtarchiv gut aufbewahrt © Stadt Ludwigslust SW

Eine kleine schwarze Schachtel. Unscheinbar auf den ersten Blick und doch vollgepackt mit Geschichte und Geschichten, die es zu erzählen lohnt. 

Aus den Anfangszeiten der Fotografie

In der Schachtel – Fotoplatten mit Motiven unserer Stadt. Sieben Stück an der Zahl. Ein Schatz für jedes Archiv.

Fotoplatten, also mit einer Fotoemulsion beschichtete Glasplatten wurde Anfang der 1870er Jahre erfunden. Aufgrund ihrer höheren Lichtempfindlichkeit, besseren Haltbarkeit und Transportierbarkeit setzten sie sich im Vergleich zu älteren Verfahren schnell durch. Etwa ab 1910 wurden die meisten von ihnen mit einem panchromatischen Schwarz-Weiß-Film versehen, wodurch sie auf alle Wellenlängen des Lichts gleichmäßig reagieren und ein natürliches Schwarz-Weiß-Foto als Endprodukt ermöglichten. Über die Jahre wurde die Empfindlichkeit immer weiter gesteigert, so dass in den 1920er und 1930er Jahren bereits hervorragend aufgelöste Fotos entstehen konnten.

Mit der Erfindung des Zelluloids jedoch wurde die Herstellung von fotografischen Rollfilmen möglich. Diese ließen sich besser handhaben als Fotoplatten und so wurde die Fotoplatte relativ schnell wieder verdrängt.

Drei Akte einer Bewahrung
Seit Ende August ist nun das Ludwigsluster Stadtarchiv in Besitz von sieben Fotoplatten. 13x18 cm groß und damit größer, als üblich.

Dr. Raymond Jarchow ist gebürtiger Ludwigsluster. Sein Vater hat 1951 – 1966 im Schloss Ludwigslust gearbeitet. Damals war der Bereich Liegenschaften des Rates des Kreises dort angesiedelt. In einem „ersten Akt der Bewahrung“, so Jarchow, „hat mein Vater die Platten aus einem Müllberg rausgezogen.“

Im Wohnzimmer seiner Eltern stand ein großes englisches Buffet. Irgendwann, als Jahrchow im Alter von 8 oder 9 Jahren mal alleine im Hause war, stöberte er in den Schränken und entdeckte links unten im Buffett genau diese Schachtel. Seine Mutter aber war eine „Wegschmeißerin“ und so habe er diese Platten „… in einem zweiten Akt der Bewahrung zu sich genommen.“. Jarchow war fasziniert von diesen Schwarz-Weiss-Luftaufnahmen im Negativ. Das ist nun lange her. In einem dritten Akt der Bewahrung übergab Raymond Jahrchow die Fotoplatten nun dem Stadtarchiv.

Aus der Luft betrachtet
Vor uns liegen sieben Fotoplatten, Ludwigslust, sein Schloss und die Umgebung. Hochauflösende, qualitativ hochwertige Fotos. Ein wahrer Schatz für das Stadtarchiv, gehören diese Fotos doch zu den ersten Luftbildern unserer Stadt. Es ist anzunehmen, dass sie im Zeitraum von Mitte der 1920er bis 1932 aufgenommen wurden. Zum einen waren schräge Luftbilder in dieser Zeit modern und gefragt, zum anderen gab es nach dem 2. Weltkrieg viele arbeitslose Flieger, die Fotografie hatte einen weiteren Entwicklungssprung gemacht und so gab es für die Luftbildfotografie ein reiches Betätigungsfeld. Wahrscheinlich sind die Aufnahmen auch als Auftragsarbeit von Planungsämtern entstanden. Auch Ludwigslust entwickelte seine Infrastruktur ab den 1920er Jahren enorm. Da waren gute Planungsunterlagen gefragt. Der Fundort in der Abt. Liegenschaften des Rates des Kreises spricht für diese Annahme. Mit der Machtergreifung der Faschisten war den Luftaufnahmen über militärischem Gebiet ein Ende gesetzt. Ludwigslust war Garnisonsstadt und so ist davon auszugehen, dass diese Aufnahmen nicht mehr nach 1932 entstanden sein können.

Auftrag der Archive
Öffentliche Archive dienen der Forschung und Bildung, der Verwaltung und Rechtssicherung. Sie schützen das öffentliche Archivgut und sind der Öffentlichkeit für die Nutzung zugänglich, so ist es im Archivgesetz des Landes geregelt.

Unterlagen im Sinne des Gesetzes sind insbesondere Akten, Urkunden, Schriftstücke, Karten, Pläne, Karteien, Siegel und Stempel, Bild-, Film- und Tonmaterial und Dateien sowie sonstige Informationsträger und die zu ihrer Erschließung und Nutzung erforderlichen Hilfsmittel.

Das Archiv der Stadt Ludwigslust ist immer daran interessiert, „Stumme Zeitzeugen“ aus Privatbeständen entgegen zu nehmen und einer dauerhaften Aufbewahrung zuzuführen. Gleichzeitig wird über Wege nachgedacht, diese der Öffentlichkeit zu präsentieren. Sylvia Wegener, Büro des Bürgermeisters, 01.09.2020